Veröffentlicht am 19. April 2026 von RKP

Zwischen Systemkritik und Zukunftsmodellen – Pflege fordert Kurswechsel hin zu Vertrauen, Flexibilität und Finanzierungssicherheit

Gemeinsamer WTG-Reformgipfel von Pflegearbeitgebern und pflegenden Angehörigen will „Ermöglichungsgesetze“

Gelsenkirchen, 17. April 2026: Beim gemeinsamen WTG-Reformgipfel von Ruhrgebietskonferenz-Pflege, ZukunftPflege NRW, „Starke Pflege in Münster“ und „wir pflegen NRW“ wurde deutlich: Die aktuelle Reform des Wohn- und Teilhaberechts (WTG) stößt in der Fachwelt auf erhebliche Kritik. Vertreterinnen und Vertreter aus Angehörigenselbsthilfe, Praxis, Trägerlandschaft, Digitalisierung und Eingliederungshilfe zeichneten ein gemeinsames Bild eines Systems unter Druck – und formulierten zugleich konkrete Vorschläge für eine Neuausrichtung der Pflegepolitik.

Im Zentrum der Debatte stand der Vorwurf, der Reformansatz sei „stark verwaltungszentriert, nicht aus Sicht der Versorgung oder Betroffenen gedacht“, wie Claudia Ott, Vorstand der Theodor-Fliedner-Stiftung ausführte. Die Sprecherin der Ruhrgebietskonferenz-Pflege kritisierte, dass der Entwurf vor allem zusätzliche Bürokratie produziere, ohne strukturelle Probleme wie den Mangel an Pflegeplätzen oder die steigenden Kosten zu lösen. Überzogene Standards, zusätzliche Meldepflichten und formal ausgeweitete Beteiligungsstrukturen würden die Praxis eher belasten als verbessern. Ihr Fazit fiel entsprechend deutlich aus: Pflegepolitik müsse „Versorgung ermöglichen statt nur zu kontrollieren“.

Einen Perspektivwechsel forderte auch Notburga Ott von „wir pflegen NRW“, die die Rolle pflegender Angehöriger in den Mittelpunkt stellte. Diese würden im Gesetz nur randständig berücksichtigt und meist auf formale Rollen reduziert. „Angehörige sind zentrale Vermittler zwischen Pflegebedürftigen und Pflegekräften“, betonte sie. Das derzeitige Regelwerk zeichne jedoch ein verzerrtes Bild zwischen vollständiger Selbstbestimmung und rechtlicher Vertretung – und verkenne damit die Realität der Versorgung. Stattdessen brauche es ein systemisches „Dreiecksverhältnis“ aus Pflegebedürftigen, Fachkräften und Angehörigen, das aktiv gestaltet und rechtlich stärker verankert werden müsse.

Diese Einschätzung wurde durch Helmut Wallrafen, Sprecher von ZukunftPflege NRW, grundlegend systemkritisch ergänzt. Der langjährige Geschäftsführer der Sozial-Holding Mönchengladbach sprach von einem „Systemversagen statt individuellem Versagen“. Pflegekräfte und Verwaltungen arbeiteten unter Bedingungen, die strukturell nicht tragfähig seien. Besonders kritisch sah er die zunehmende Bürokratisierung, die Zeit für direkte Pflege entziehe. Gleichzeitig fehle es an gesellschaftlicher Ehrlichkeit über die tatsächlichen Kosten einer menschenwürdigen Versorgung. Ohne einen solchen Realitätsabgleich drohe die Pflege langfristig weiter zu erodieren.

Martin Sartorius Geschäftsführer der Rheinischen Gesellschaft für Diakonie richtete den Blick auf die strukturelle Zukunftsfähigkeit der Versorgung. Angesichts demografischer Entwicklungen und knapper Ressourcen sei das bestehende System nicht mehr tragfähig. Am Beispiel eines Umbaus stationärer Einrichtungen in kombinierte Wohn- und Versorgungsformen zeigte er, wie durch integrierte Modelle „mehr Menschen mit gleichem Personal versorgt werden“ könnten. Voraussetzung hierfür sei jedoch der Abbau sektoraler Grenzen sowie eine Abkehr von starren Vorgaben etwa bei Flächen- oder Personalvorgaben.

Christian Schultz, Vorstand und Geschäftsführer der Diakonie-Stiftung Salem, stellte die Digitalisierung als zentralen Hebel der Entlastung heraus. Sie sei „mehr als technische Modernisierung“, sondern ein umfassender Organisationsentwicklungsprozess. Besonders die KI-gestützte Pflegedokumentation zeige konkrete Wirkung: Rund 28 Minuten Zeitersparnis pro Mitarbeitendem und Tag könnten erzielt werden. Diese Zeit komme unmittelbar der Versorgung zugute – etwa durch mehr Gespräche oder soziale Betreuung. Gleichzeitig betonte Schultz als Sprecher von ZukunftPflege NRW, dass diese Potenziale nur durch verlässliche Finanzierung, Investitionen in IT-Sicherheit und ein höheres Maß an Vertrauen in digitale Prozesse gehoben werden könnten.

Auch weitere Praxisprojekte verdeutlichten das Potenzial digitaler Innovationen. Matthias Losinzky vom Vorstand der „Starken Pflege in Münster“ stellte mit dem „Marktplatz ambulante Pflege“ eine Plattform vor, die Pflegeanfragen zentral bündelt und so den Vermittlungsaufwand reduziert sowie Kommunen bessere Planungsdaten liefert. Christian Westermann, Geschäftsführer des ambulanten Pflegedienstes Engel Vonne Ruhr und Sprecher der Ruhrgebietskonferenz-Pflege, präsentierte mit „Care vor Ort 2.0“ ein KI-gestütztes System, das Bedarfe strukturiert und direkt passende Anbieter vermittelt. Beide Projekte eint die Einschätzung, dass digitale Lösungen nur dann skalieren können, wenn Finanzierung, Vertrauen und politische Unterstützung zusammenkommen.

Im Bereich neuer Wohn- und Versorgungsformen zeigte Sylvia Metche von der SMMP-Seniorenhilfe am Beispiel anbieterverantworteter Wohngemeinschaften, dass innovative Modelle zwar politisch gewünscht sind, in der Praxis jedoch durch uneinheitliche Regelungen und fehlende Finanzierung ausgebremst werden. Insbesondere Doppelprüfungen und regionale Unterschiede in der Genehmigungspraxis führten zu erheblichen Unsicherheiten. Sie forderte daher einheitliche Rahmenbedingungen und verlässliche Finanzierungsstrukturen, um Innovation tatsächlich zu ermöglichen.

Silke Gerling, Bereichsleiterin beim Diakoniewerk Essen und ebenfalls Sprecherin der Ruhrgebietskonferenz-Pflege, lenkte den Blick schließlich auf die Eingliederungshilfe. Menschen mit Behinderung seien dort strukturell benachteiligt, insbesondere durch unzureichende Pauschalen, widersprüchliche Regelungen und eine mangelhafte Datenlage. Zudem erschwerten unterschiedliche Systemlogiken zwischen Pflege und Eingliederungshilfe die Versorgung zusätzlich. Ihre Forderung: eine bessere finanzielle Ausstattung, einheitliche Standards und eine stärkere Harmonisierung der Systeme.

In der Gesamtschau zeigte der WTG-Reformgipfel ein klares Stimmungsbild: Die Pflege steht vor einer strukturellen Überlastung durch demografischen Wandel, Fachkräftemangel und Bürokratie. Zugleich besteht breiter Konsens darüber, dass die aktuellen Reformansätze zu wenig auf Vertrauen, Flexibilität und Praxisnähe setzen. „Trust in Care“ lautet die gemeinsame Kernforderung der Veranstalter.

Die Impulsgeber fordern unisono einen grundlegenden Kurswechsel – hin zu mehr Ermöglichung statt Kontrolle, zu verlässlicher Finanzierung, zur konsequenten Einbindung aller Beteiligten sowie zur gezielten Förderung von Innovation und Digitalisierung.

Ohne diesen Wandel, so die einhellige Botschaft, droht die Versorgung zunehmend unter den eigenen strukturellen Widersprüchen zu ersticken. Roland Weigel, Moderator und Koordinator des Gipfels, fasste am Ende zusammen: „Wir brauchen endlich Ermöglichungsgesetze, damit sich Pflege mit ihren Kompetenzen entfalten und weiterentwickeln kann“.

Foto von Pavel Danilyuk: www.pexels.com