
Veröffentlicht am 14. Januar 2026 von RKP
„Pflege kennt keine Silos – sie kennt Menschen“
Der Bau von Pflegeheimen macht die Pflege weder billiger noch besser. Pflegearbeitgeber aus NRW warnen vor Kehrtwende in der Pflegepolitik
Ruhrgebiet, 14.01.2026 – Die Forderung von Kanzleramtsminister Thorsten Frei nach einem massiven Ausbau stationärer Pflegeplätze stößt bei den Pflegearbeitgebern der Ruhrgebietskonferenz-Pflege und des Netzwerks „ZukunftPflege NRW“ auf scharfe Kritik. Sie sehen darin keine Lösung für eine zukunftsfähige, bedarfsgerechte Pflegepolitik.
„Seit Jahren ist klar: Die überwältigende Mehrheit der pflegebedürftigen Menschen will so lange wie möglich zu Hause leben. Ambulant vor stationär ist kein ideologisches Schlagwort, sondern der ausdrückliche Wunsch der Betroffenen und ihrer Angehörigen. Er ist die Realität“, betont Christian Schultz, Geschäftsführer der Diakonie Stiftung Salem und Sprecher von „ZukunftPflege NRW“. „Diese Realität mit fragwürdigen Prognosen und rückwärtsgewandten Konzepten zu ignorieren, ist verantwortungslos.“
Bald wieder Drei- und Vierbettzimmer?
Die Äußerungen aus dem Kanzleramt lassen nach Einschätzung der Pflegearbeitgeber eine grundlegende Kehrtwende in der Pflegepolitik befürchten. Helmut Wallrafen, Geschäftsführer der Sozial-Holding Mönchengladbach und ebenfalls Sprecher von „ZukunftPflege NRW“, bringt es auf den Punkt: „Unter dem Motto ‚Vorwärts, es geht zurück‘ soll offenbar der Bau von Pflegeheimen wieder zur zentralen Lösung erklärt werden – obwohl weder Pflegebedürftige noch Pflegekräfte diese Versorgungsform bevorzugen. Es scheint nur noch eine Frage der Zeit zu sein, bis erneut über Drei- und Vierbettzimmer diskutiert wird.“ Für den langjährigen Konzerngeschäftsführer der Sozial-Holding setzt die Bundesregierung die falschen Prioritäten: „Statt neue Heim zu bauen, sollten wir in den bestehenden Einrichtungen mehr Innovation fördern und Flexibilität ermöglichen!“
„Kein Signal der Hoffnung“
Die Stationäre Pflege ist überreguliert und die teuerste Versorgungsform, sie verschlingt Fachkräfte und treibt die Kosten für Pflegebedürftige, Angehörige und Sozialkassen weiter in die Höhe. Außerdem ist sie sehr personalintensiv. In Zeiten des Fachkräftemangels würde jede Ausweitung der stationären Angebote dazu führen, dass immer weniger pflegebedürftige Menschen eine Versorgung finden können. „Der geplante Ausbau stationärer Plätze ist kein Signal der Hoffnung für Pflegebedürftige, sondern vor allem für renditeorientierte Investoren“, kritisiert Christian Westermann, Sprecher der Ruhrgebietskonferenz-Pflege und Geschäftsführer des ambulanten Pflegedienstes Engel von der Ruhr. „Und nach wie vor sagt uns niemand, woher die vielen zusätzlichen Pflegekräfte kommen sollen.“
Die Pflegearbeitgeber fordern konsequenten Systemwechsel.
„Pflege kennt keine Silos – sie kennt Menschen“, erklärt Christian Schultz. „Was wir brauchen, sind integrierte Versorgungsmodelle statt neuer Heime: eine echte Aufhebung der Sektorengrenzen, quartiersnahe Konzepte, digitale Unterstützung und flexible Budgets. Nur so lassen sich Fachkräftemangel und Kostenexplosion gleichzeitig bewältigen.“
Die Botschaft der Pflegearbeitgeber aus NRW ist klar:
Wer Pflege zukunftsfähig, bezahlbar und menschenwürdig gestalten will, darf nicht in Beton investieren, sondern muss Strukturen reformieren.

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