Veröffentlicht am 27. August 2026 von RKP
Pflegebegleitung ist eine Kooperationsaufgabe
Talk am Förderturm: Prof. Thomas Klie: „Ohne die Pflegedienste wird es nicht gehen“ – Ruhrgebietskonferenz-Pflege fordert NRW-Umsetzungsdialog
Ruhrgebiet/NRW, 26. August 2026. Pflegebegleitung wird nur funktionieren, wenn Pflegekassen, Kommunen, Beratungsstrukturen und Pflegeanbieter vor Ort gemeinsam Verantwortung übernehmen. Das ist die zentrale Botschaft des digitalen „Talk am Förderturm“ der Ruhrgebietskonferenz-Pflege und von ZukunftPflege NRW mit dem Pflegeexperten Prof. Thomas Klie.
Klie machte deutlich: Die im Pflegeneuordnungsgesetz vorgesehene Pflegebegleitung dürfe nicht als vollständig neue, isolierte Leistung verstanden organisiert werden. Sie müsse vielmehr als regionale Kooperationsaufgabe verstanden werden.
Für die Rolle von qualifizierten Pflegefachpersonen fand Klie klare Worte: „Ohne sie wird es nicht gehen.“ Pflegedienste und andere Anbieter sollten in die neuen Strukturen einbezogen werden. Zugleich gehe es darum, Doppelstrukturen zu vermeiden und bestehende Kompetenzen, Erfahrungen und Vertrauensbeziehungen zu berücksichtigen.
„Wir brauchen keine neue Säule neben den vorhandenen Strukturen“, sagt Christian Westermann von der Ruhrgebietskonferenz-Pflege. „Die Menschen, die Pflegebegleitung heute schon in Teilen leisten könnten, sitzen vielfach längst in den Diensten. Entscheidend ist jetzt, diese Ressourcen gemeinsam und sinnvoll zu nutzen.“
Nicht nebeneinander – miteinander
Klie beschrieb unterschiedliche Modelle, in denen Pflegekassen, Kommunen, Pflegestützpunkte, unabhängige Pflegeberater, Leistungserbringer und weitere Akteure regional zusammenwirken können. Pflegebegleitung müsse als Struktur verstanden werden, die Versorgung organisiert und Verantwortung zusammenführt – keinesfalls als weitere abrechenbare Einzelleistung.
Für RKP und ZukunftPflege NRW ist damit klar: Die entscheidende Frage ist nicht, wer die Pflegebegleitung allein übernimmt, sondern die Pflegekassen und Kommunen vorhandenen Akteure einbeziehen.
„Pflegebegleitung ist eine Kooperationsaufgabe. Genau deshalb sollten wir jetzt nicht neue Zuständigkeiten nebeneinander bauen“, sagt RKP-Koordinator Roland Weigel. „Wir brauchen ein Modell, das Pflegekassen, Kommunen, Beratung und Versorgungspraxis an einen Tisch bringt.“
Auch aus Sicht pflegender Angehöriger darf Pflegebegleitung nicht auf Beratung reduziert werden. Notburga Ott von „wir pflegen e.V“ machte im Talk deutlich, dass echte Begleitung die Koordination des gesamten Unterstützungsumfelds umfassen müsse – von professioneller Pflege über kommunale Angebote bis hin zu Nachbarschaftshilfe und Ehrenamt. Zugleich seien im Gesetzentwurf noch wichtige Fragen offen, etwa wann Pflegebedürftige und Angehörige Anspruch auf weitergehende Begleitung oder Fallmanagement haben.
Finanzierung muss zur Aufgabe passen
Kontrovers diskutiert wurde die Finanzierung. Klie warnte davor, die im Gesetzentwurf vorgesehenen 146 Euro lediglich in klassische Beratungsstunden umzurechnen. Pflegebegleitung müsse als regionale Infrastruktur gedacht und finanziert werden.
Gleichzeitig stellte er klar, dass der Finanzbedarf einer neuen fachlichen Aufgabe nicht einfach aus bisherigen Ausgaben abgeleitet werden könne. Wenn bestehende Beratungsangebote bislang nicht flächendeckend oder einheitlich umgesetzt worden seien, könne deren bisheriges Ausgabenniveau keine verlässliche Grundlage für die neue Struktur bilden.
Aus Sicht von RKP und ZukunftPflege NRW folgt daraus: Personalbedarf, Infrastruktur und Finanzierung müssen realistisch ermittelt und während der Einführung laufend überprüft werden.
Aus Einzelfällen muss Versorgungswissen werden
Ein weiterer Schwerpunkt des Talks war die regionale Versorgungssteuerung. Klie verwies darauf, dass heute vielfach nicht systematisch bekannt sei, wo Pflegebedarfe vor Ort nicht gedeckt werden können.
Genau hier setzt der von der Ruhrgebietskonferenz-Pflege vorgeschlagene „Versorgungsradar Pflege“ an.
„Wenn Pflegebegleiter regelmäßig feststellen, dass kein Pflegedienst, keine Kurzzeitpflege oder ein anderes notwendiges Angebot verfügbar ist, dürfen diese Informationen nicht im Einzelfall verschwinden“, so die Ruhrgebietskonferenz-Pflege. „Aus einzelnen Versorgungsproblemen muss gemeinsames Versorgungswissen werden.“
Auch Digitalisierung und KI seien dafür unverzichtbar. Klie machte deutlich, dass Pflegebegleitung ohne digitale Vernetzung nicht funktionieren werde.
Kommunaler Handlungsdruck wächst
Wie aktuell diese Frage auch für Städte und Kreise ist, zeigt die Debatte um steigende Sozialausgaben. Essens Sozialdezernent Peter Renzel hat zuletzt in einem viel beachteten Interview mit der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung (WAZ) Prävention und Pflegebegleitung als wichtige Hebel hervorgehoben.
Für RKP und ZukunftPflege NRW bestätigt das: Pflegebegleitung darf nicht losgelöst von kommunaler Pflegeplanung und regionaler Versorgung organisiert werden. Sie muss dazu beitragen, Versorgungslücken sichtbar zu machen, präventiv zu wirken und vorhandene Angebote besser miteinander zu verbinden.
NRW-Umsetzungsdialog jetzt starten
RKP und ZukunftPflege NRW schlagen deshalb einen NRW-Umsetzungsdialog Pflegebegleitung vor.
Noch bevor die neue Struktur endgültig festgeschrieben wird, sollten Land, Kommunen, Pflegekassen, Pflegeanbieter, bestehende Beratungsstrukturen, Pflegefachlichkeit und Angehörigenvertretungen gemeinsam klären, wie Pflegebegleitung in Nordrhein-Westfalen konkret organisiert werden kann.
„Wenn Pflegebegleitung eine Kooperationsaufgabe ist, dann müssen wir mit der Kooperation jetzt anfangen“, sagt Weigel. „Nicht erst dann, wenn Gesetze, Richtlinien und Zuständigkeiten längst festgezurrt sind.“
Mehr als 300 Anmeldungen waren für den digitalen „Talk am Förderturm“ eingegangen. Neben Prof. Thomas Klie brachten Christian Westermann für die Ruhrgebietskonferenz-Pflege und Notburga Ott die Perspektiven der Leistungserbringer und der pflegenden Angehörigen in die Diskussion ein.