Veröffentlicht am 2. September 2026 von RKP

Weiter so – mit Vollgas gegen die Wand?

Die Pflegeversicherung steuert auf ein Milliardenloch zu. Und die Antwort? Hier kürzen, dort deckeln, Löcher mit Darlehen stopfen und gleichzeitig neue Leistungen versprechen.

Das ist keine Reformpolitik. Das ist Reparaturbetrieb an einem System, von dem längst jeder weiß, dass es grundlegend umgebaut werden muss. Überraschend kommt die Finanzkrise schließlich nicht. Seit Jahren ist bekannt, dass die Pflegeversicherung finanziell und strukturell überfordert ist. Trotzdem wird vertagt, gedeckelt und an einzelnen Leistungen herumgeschraubt.

Das ist keine Pflegereform. Das ist Mangelverwaltung.
Wer jetzt Pflegeleistungen kürzen, die Refinanzierung der Pflegeanbieter begrenzen oder Pflegebedürftige und ihre Familien stärker belasten will, löst kein einziges strukturelles Problem. Er erkauft der Pflegeversicherung auf Kosten der Betroffenen, Kommunen und Leistungserbringer nur ein paar weitere Jahre – bis zum nächsten Milliardenloch.

Dabei sind die Ursachen seit Jahren bekannt – und werden seit Jahren nicht angegangen: Die Pflegeversicherung wird mit gesamtgesellschaftlichen Aufgaben belastet. Prävention findet praktisch nicht statt. „Ambulant vor stationär“ wird politisch beschworen, aber nicht konsequent umgesetzt. Kommunen sollen Versorgung planen, ohne über ausreichende Instrumente zu verfügen. Und gleichzeitig werden mit der Pflegebegleitung neue Strukturen geplant und möglicherweise Tausende zusätzliche Fachkräfte gebunden, ohne überzeugend zu beantworten, woher Personal und Geld kommen sollen.

Das Problem ist nicht fehlendes Wissen. Das Problem ist fehlender Reformwille.
Wir brauchen deshalb keine Reform, die den Mangel nur neu verteilt. Wir brauchen eine Reform, die an die Strukturen geht: die Pflegebedürftigkeit verhindert oder hinauszögert, ambulante Versorgung tatsächlich stärkt, regionale Versorgungsverantwortung organisiert und vorhandene Ressourcen dort einsetzt, wo Versorgung stattfindet.

Dazu gehören eine konsequente Präventionsstrategie, ambulant vor stationär, eine verbindlichere kommunale und regionale Versorgungsplanung, digitale Steuerung und Vernetzung – und eine ehrliche Entscheidung darüber, welche Aufgaben die Pflegeversicherung finanzieren soll und welche als gesamtgesellschaftliche Aufgaben aus Steuermitteln bezahlt werden müssen.

10 Milliarden Euro zusätzlicher Finanzbedarf sind kein Betriebsunfall. Sie sind die Quittung dafür, dass eine grundlegende Strukturreform der Pflege seit Jahren verschoben wird.

Deshalb gilt auch für das PNOG: Nicht weiter am kaputten System herumdoktern. Jetzt muss die Struktur auf den Tisch.

Ruhrgebiet, den 01.09.2026

Christian Schultz, Geschäftsführer Diakonie-Stiftung Salem und Sprecher von Ruhrgebietskonferenz-Pflege und ZukunftPflege NRW

Bild: Christian Schultz

Christian Schultz, Vorstand und Geschäftsführer der Diakonie-Stiftung Salem und Sprecher von ZukunftPflege NRW