Veröffentlicht am 13. Dezember 2025 von RKP

„Es muss sich wirtschaftlich lohnen, dass Menschen gesünder werden!“

Systemwandel-Workshop – „Pflege präventiv“

Die Ruhrgebietskonferenz-Pflege und „ZukunftPflege NRW“ hatten für den für den 12. Dezember 2025 (ab 10 Uhr auf Zoom) herzlich zu einem digitalen Fach- und Diskussionsworkshop eingeladen. Sinn und Zweck des Systemwandelworkshops „Pflege präventiv“ war es, die Chancen und Perspektiven von ambulanten Präventionsangeboten auszuleuchten. Darüber hinaus sollten Impulse für die Integration von Präventionsangeboten in das Pflegesystem gesammelt werden.

Die ambulante Pflege steht vor der Herausforderung, nicht nur auf den bestehenden Pflegebedarf zu reagieren, sondern auch dessen Anstieg zu dämpfen. Mit der demografischen Entwicklung wird rein statistisch der Unterstützungsbedarf steigen, zugleich jedoch die Zahl der Pflege- und Betreuungskräfte abnehmen. Durch gezielte Präventionsmaßnahmen, die als Ergänzung der ambulanten Betreuung und Pflege erfolgen, lassen sich sowohl die Lebensqualität der Betroffenen steigern als auch die Belastungen für das Gesundheitssystem reduzieren.

Prävention schafft „win-win-win“-Situation
In § 5 SGB XI (Prävention in Pflegeeinrichtungen) sind ambulante Pflegedienste bisher nicht erfasst. Daher dürfen die Pflegekassen entsprechende ambulante Angebote nicht finanzieren. Dennoch hat sich der bundesweit tätige Betreuungsdienstleister Home Instead zusammen mit Kooperationspartnern aufgemacht, den eigenen Kunden durch angeleitete, individualisierte und erprobte Präventionstrainings in der eigenen Wohnung mehr Lebensqualität und Selbstständigkeit zu ermöglichen. Auf den ersten Blick widerspricht das dem Interesse eines ambulanten Pflegeanbieters. Mehr Pflegeleistungen bei einem Kunden bedeuten mehr Umsätze. Jedoch ist dieser Ansatz endlich. Die Zahl der Menschen mit zunehmenden Pflege- und Betreuungsbedarf nimmt demografiebedingt zu. Gleichzeitig sinkt auf Sicht die Zahl der Betreuungs- und Pflegekräfte. Wird die Zahl der „schweren“ Pflegefälle für die Mitarbeitenden zu groß, steigt das Risiko von krankheitsbedingten Abwesenheiten oder sogar des Berufsausstiegs. Insofern wirkt das Präventionsprogramm der Kunden gleichzeitig mittelbar auch als eine Art Prävention für die Mitarbeitenden. Unmittelbar unterstützt das Präventionsangebot zudem die Home Instead Mission, ein selbstbestimmtes Leben im eigenen Wohnumfeld zu ermöglichen. „Wir müssen in unserem Gesundheits- und Pflegesystem einen grundlegenden Wandel bewerkstelligen. Es muss ich wirtschaftlich lohnen, dass Menschen gesünder werden. Ambulante Prävention erzeugt eine „win-win-win“ Situation“, sagt Thomas Eisenreich, Geschäftsführer von Home Instead und Sprecher der Arbeitgeberinitiative „Zukunft Pflege NRW“, im Rahmen des Systemwandelworkshops.

Projektpartner sind das aus Dänemark stammende Unternehmen „digirehab“ und „meine Krankenkasse“ (mkk)
In Dänemark – dem Herkunftsland von digirehab– ist Prävention ein fester Bestandteil der Daseinsvorsorge. Im Rahmen der Veranstaltung hat Lars Jessen von digirehab das digitale Mobilitäts- und Präventionstool DigiCare vorgestellt, das Pflegebedürftige in der ambulanten Versorgung durch individuell abgestimmte Trainingsprogramme unterstützt. Das System kombiniert ein strukturiertes Mobilitätsscreening, algorithmusbasierte Übungspläne und eine automatische Fortschrittsanalyse. Ziel ist es, die Selbstständigkeit älterer Menschen zu stärken und Pflegekräfte spürbar zu entlasten.

Erfahrungen aus Dänemark und erste Ergebnisse aus Deutschland zeigen deutliche Effekte: Über 90 % der Teilnehmenden verbessern oder stabilisieren ihre Mobilität, bis zu 80 % reduzieren ihren Pflegebedarf, und viele fühlen sich sicherer im eigenen Zuhause. Gleichzeitig profitieren Pflegedienste durch effizientere Ressourcennutzung, bessere Planbarkeit und eine spürbare körperliche Entlastung der Mitarbeitenden. -> der Vortrag als pdf

Für Marcus Dornburg von der mkk ist Bewegung die beste Medizin in allen Präventionsbereichen. Er ist überzeugt davon, dass Prävention zur Zukunft der Pflege gehört. Dazu muss das Präventionsgesetz weiterentwickelt und um das ambulante bzw. häusliche häusliches Setting erweitert werden. Dabei sollten Unternehmen und Kostenträger nicht auf die Politik warten, sondern mutig vorangehen und Angebote entwickeln. Das geht aber nur, wenn alle Beteiligten und Betroffenen zusammenarbeiten. Netzwerkbildung und Kooperation sind für ihn Schlüsselbegriffe. -> der Vortrag als pdf

Notburga Ott von „wir pflegen“ begrüßt ausdrücklich die guten Ideen und Innovationen in der ambulanten Prävention. Für sie ist klar, dass Prävention nur gemeinsam gelingt. Dazu müssten auch die Kommunen ins Boot kommen. Sie befürchtet aber, dass in der aktuellen Reformdebatte die Präventionsleistungen nur dann ins System integriert werden, wenn dafür an andere Stelle etwas gekürzt wird. „Wir dürfen uns nicht in eine Konkurrenzsituation hereinmanövrieren und gegeneinander ausspielen lassen“, mahnt sie.

Die Zukunft der Pflege wird heute gemacht!
Am Ende der Veranstaltung stand ein Appell an die Politik: Damit Prävention in der ambulanten Pflege systematisch möglich wird, fordern die Arbeitgeber aus der Pflege die Öffnung des § 5 SGB XI für ambulante Pflegedienste. Außerdem sollten sich die Kommunen im Rahmen der Daseinsvorsorge stärker für den Aufbau von Präventionsangeboten in der Häuslichkeit engagieren.

Unser Fazit: Jetzt mitgestalten statt später nachjustieren!
Wer Prävention in der ambulanten Pflege ermöglicht, gestaltet die Pflege von morgen – effizienter, menschlicher, finanziell tragfähig.

Weiterführende Info und Hintergründe hier:

Foto von Jill Wellington: www.pexels.com