Veröffentlicht am 23. Oktober 2026 von RKP

Misstrauenskultur statt Strukturreform?

Tacheles-Stellungnahme von Christian Westermann

Schluss mit dem Generalverdacht! Das Leistungsrecht gehört rigoros vereinfacht!
Der GKV-Spitzenverband warnt vor Betrugsschäden in zweistelliger Milliardenhöhe im deutschen Gesundheitswesen. Die Grundlage: Hochrechnungen aus internationalen Vergleichen. Belastbare Nachweise für diese Größenordnung in Deutschland fehlen bislang. Eine Studie soll das tatsächliche Ausmaß erst noch untersuchen.

Und schon stehen die Milliardenbeträge in den Schlagzeilen.
Wer Betrug wirksam bekämpfen will, muss endlich die Ursachen für Intransparenz und Fehleranfälligkeit beseitigen, statt mit fragwürdigen Hochrechnungen Misstrauen zu schüren!
Ein Leistungsrecht, durch das selbst Fachleute kaum noch durchblicken, gehört rigoros vereinfacht. Weniger Sonderbudgets, weniger Abrechnungsbürokratie, weniger künstliche Sektorengrenzen. Mehr Transparenz und klare, nachvollziehbare Leistungsansprüche!

Mit zweierlei Maß gemessen

Von Pflegeunternehmen verlangen die Kassen belastbare Kalkulationen, lückenlose Dokumentationen und prüffähige Abrechnungen. Jede Zahl muss stimmen, jede Leistung nachgewiesen werden.
Und die Kassen selbst operieren öffentlich mit milliardenschweren Betrugsschätzungen, deren tatsächliche Grundlage für Deutschland erst noch untersucht werden soll?
Wer von anderen Seriosität und Nachweise verlangt, muss dieselben Maßstäbe an die eigene Kommunikation anlegen!
Natürlich muss tatsächlicher Betrug konsequent verfolgt werden. Ohne Wenn und Aber!
Aber mit ungesicherten Hochrechnungen öffentlichkeitswirksame Schlagzeilen zu produzieren, schürt Misstrauen und riskiert einen Generalverdacht gegenüber einer ganzen Branche.

Trust in Care statt Generalverdacht!
Die Pflege braucht eine neue Kultur der Zusammenarbeit zwischen Kostenträgern und Leistungserbringern. Keine weitere Eskalation des Misstrauens.
Zehntausende Pflegeunternehmen und Hunderttausende Beschäftigte sichern tagtäglich unter schwierigsten Bedingungen die Versorgung pflegebedürftiger Menschen. Sie verdienen keine pauschalen Verdächtigungen, sondern verlässliche Rahmenbedingungen und eine Zusammenarbeit auf Augenhöhe.

Und was ist eigentlich mit dem PNOG-Desaster?
Während das Pflegeneuordnungsgesetz seine strukturellen Schwächen immer deutlicher offenbart, bestimmen plötzlich mögliche Betrugsschäden in Milliardenhöhe die Schlagzeilen.

Soll diese Debatte etwa vom PNOG-Desaster ablenken?
Statt über die dringend notwendige Neuordnung des Leistungsrechts zu sprechen, diskutieren wir über immer neue Kontrollen für ein System, dessen Komplexität selbst Teil des Problems ist.
Mehr Kontrolle allein macht ein undurchschaubares System nicht transparent!
Die eigentliche Reformaufgabe lautet: Schluss mit einem Leistungs- und Abrechnungsrecht, das immer mehr Ressourcen bindet, die für die Versorgung dringend gebraucht werden.

Strukturwandel statt Misstrauenskultur!
Wir brauchen keine immer neuen Kontrollinstrumente für ein System, dessen Grundkonstruktion längst überholt ist.
Wir brauchen ein einfaches, bedarfsgerechtes und sektorenübergreifendes Leistungsrecht, das Versicherte verstehen, Beschäftigte anwenden und Leistungserbringer ohne bürokratische Verrenkungen umsetzen können.
Wer Betrug bekämpfen will, braucht Transparenz. Wer Transparenz will, muss Komplexität abbauen. Und wer gute Versorgung will, muss Vertrauen ermöglichen.

Trust in Care!
Seriöse Zahlen statt Stimmungsmache. Strukturreform statt Nebelkerzen. Zusammenarbeit statt Generalverdacht.

Bild: Christian Westermann ist Geschäftsführer der Engel vonne Ruhr – Ambulante Pflege GmbH in Mülheim an der Ruhr, Vorstandsvorsitzender der Bundesarbeitsgemeinschaft spezialisierter Leistungserbringer Wunde e. V. und Sprecher der Ruhrgebietskonferenz-Pflege.