Veröffentlicht am 19. Februar 2026 von RKP

Pflege endlich vom Wohnort trennen

Stapelleistungsdebatte: Moralische Empörung ersetzt keine Strukturreform

Gelsenkirchen, 19. Februar 2026: Die jüngsten Äußerungen von Heinz Rothgang zur Entwicklung des betreuten Wohnens geben mal wieder Anlass zu einer dringend notwendigen Grundsatzdebatte. Als Arbeitgeberinitiative, die sich seit Jahren für eine tiefgreifende Reform der Pflege einsetzt, begrüßen wir, dass die strukturellen Probleme des Systems offen benannt werden. Gleichzeitig halten wir es für verkürzt, einzelne Versorgungsformen pauschal als „Melkmodell“ zu diskreditieren. Wer die bestehenden gesetzlichen Möglichkeiten nutzt, handelt zunächst innerhalb der vom Gesetzgeber gesetzten Rahmenbedingungen. Anbieter aktivieren – aus ihrer Perspektive – die Ressourcen, die das System vorsieht. Dass es dabei zu sogenannten „Stapelleistungseffekten“ kommt, ist kein moralisches, sondern ein systemisches Problem.

Die eigentliche Debatte muss jetzt eine andere sein: über die hausgemachte Überkomplexität unseres Pflegesystems – und über eine Politik, die seit Jahren Symptome kuriert, statt das Fundament zu sanieren.

„Legal, aber nicht so gedacht“
Rothgang weist zu Recht auf sogenannte „Stapelleistungseffekte“ hin: ambulante Sachleistungen, Tagespflege und häusliche Krankenpflege werden kombiniert – mit entsprechend höheren Ausgaben für die Sozialversicherungen. Er selbst beschreibt diese Konstruktionen als „legal, aber nicht so gedacht“. Genau darin liegt der Kern des Problems. Der Gesetzgeber hat die Kombination von Leistungen grundsätzlich beabsichtigt. Daher kann genau das nicht den Anbietern zum Vorwurf gemacht werden. Im Gegenteil, sie tun das, was der Gesetzgeber erreichen wollte und will.

Ressourcen aktivieren
Von „Geschäftsmodellen, um das System zu melken“, zu sprechen, suggeriert eine einseitige Ausbeutungslogik. Aus einer anderen Perspektive betrachtet aktivieren die Anbieter jedoch schlicht alle Ressourcen, die das System bereithält – für die Betroffenen, für Angehörige und selbstverständlich auch für sich selbst. So funktioniert jedes sozialrechtlich strukturierte Versorgungssystem. Moralische Empörung ersetzt keine Strukturreform.

Das System ist marode
Das eigentliche Problem ist systemisch. Seit Einführung der Pflegeversicherung wurde das Gebäude immer weiter ausgebaut – neue Leistungsarten, neue Abgrenzungen, neue Sonderregelungen. Ambulant und stationär sind streng getrennt, Leistungs- und Ordnungsrecht folgen unterschiedlichen Logiken, Vergütungsstrukturen setzen divergierende Anreize. Statt eine grundlegende Reform anzugehen, hat die Politik immer neue „Balkone“ an ein ohnehin marodes Gebäude gebaut.

Anreize gesetzt
Die nun kritisierten Stapeleffekte sind daher kein Marktversagen, sondern eine Reaktion auf die gesetzlich beabsichtigten Anreizen. Wenn das System ambulante Kombinationen höher vergütet als stationäre Bündelversorgung, entsteht zwangsläufig eine Verschiebung. Wenn stationäre Einrichtungen zugleich mit steigenden Eigenanteilen, Investitionskosten und Personalschlüsseln belastet werden, während betreutes Wohnen regulatorisch anders behandelt wird, reagiert der Markt rational.

Probleme werden nur verschoben, nicht behoben
Jetzt, da die Pflegeversicherung finanziell ins Wanken gerät, werden einzelne „Balkone“ aus Kostengründen gesperrt – etwa durch Leistungsbegrenzungen oder Verschärfungen. Das ist jedoch nichts anderes als Flickschusterei. Es löst nicht das Grundproblem, sondern verschiebt nur die Belastungen zwischen Versorgungsformen und Versichertengruppen.

Eckpunkte für eine echte Reform
Rothgangs Plädoyer für sektorenfreie, einheitlich definierte Pflegeleistungen mit festen Preisen weist daher in die richtige Richtung. Eine echte Reform müsste:

  • Leistungsdefinitionen vereinheitlichen – unabhängig vom Wohnort,
  • Fehlanreize zwischen ambulant und stationär abbauen,
  • Qualitätsindikatoren vergleichbar machen,
  • und die Finanzierung strukturell neu aufstellen.

Solange wir an der kleinteiligen Differenzierung festhalten, produzieren wir zwangsläufig neue Schlupflöcher, neue Abgrenzungsfragen und neue Kostenverschiebungen.

Politisch Verantwortliche benennen
Die Debatte darf deshalb nicht bei der Skandalisierung einzelner Anbieter stehen bleiben. Sie muss die politische Verantwortung benennen: Ein hochkomplexes, widersprüchliches System erzeugt zwangsläufig Effekte, die „legal, aber nicht so gedacht“ sind. Wer das ändern will, muss den Mut haben, das Gebäude neu zu planen – statt immer nur neue Balkone anzuschrauben oder wieder abzubauen.

Wir brauchen ehrliche Strukturdebatte
Gerade angesichts von über sechs Millionen Pflegebedürftigen, massivem Personalmangel und steigenden Eigenanteilen brauchen wir jetzt keine moralische Empörung, sondern eine ehrliche Strukturdebatte. Nicht weniger – aber auch nicht mehr.

Foto: Kevin Malik, pexels.com