
Veröffentlicht am 24. Februar 2026 von RKP
Systemwandelworkshop fordert „Trust in care“
Pflege digital – KI, aber wie!?
Systemische Weichenstellungen, Praxisimpulse und ein Aufruf zu mehr gemeinsamer Verantwortung
Die gemeinsame Veranstaltung von Ruhrgebietskonferenz-pflege und dem Netzwerk „ZukunftPflege“ NRW mit dem Titel „Pflege digital – KI, aber wie!?“ hat deutlich gemacht: Die Frage ist längst nicht mehr, ob Künstliche Intelligenz in der Pflege eingesetzt wird – sondern unter welchen strukturellen, politischen und organisatorischen Bedingungen sie ihr Potenzial entfalten kann.
1. Systemische und politische Erfordernisse: Ohne Strukturwandel keine KI-Wirkung
Zum Auftakt hat Claudia Ott von der „Theodor-Fliedner-Stiftung“ in Mülheim an der Ruhr hervorgehoben, dass digitale Innovationen nicht an fehlenden Anwendungen, sondern häufig an fragmentierten Strukturen scheitern. Pflege, Medizin, Verwaltung, Kostenträger und Politik agieren vielfach in getrennten Systemlogiken.
Wenn KI wirksam werden soll, braucht es sektoren- und professionsübergreifende Versorgungsprozesse. Digitalisierung – und insbesondere KI-Anwendung – darf nicht auf klinische oder medizinische Kontexte reduziert werden. Pflege ist ein eigenständiger Versorgungsbereich – mit eigenen Daten, eigenen Prozessen und eigenem Innovationsbedarf, der eng mit anderen Versorgungsbereichen verzahnt sein muss.
„Trust in Care“ – Vertrauen als Grundlage
In der Diskussion wurde dann mehrfach betont, dass ohne Vertrauen der Kostenträger und der Politik in die Innovationsfähigkeit der Pflege Digitalisierung Stückwerk bleibt.
Es braucht ein neues Grundverständnis – ein „Trust in Care“ –, damit Einrichtungen investieren, pilotieren und skalieren können.
Oder anders formuliert:
„Wir müssen alle zusammen die Ellbogen runternehmen.“
Investitionsfähigkeit statt Sparlogik, denn Digitalisierung gibt es nicht zum Nulltarif.
Wer Effizienzgewinne erwartet, muss zunächst Investitionen ermöglichen – in Infrastruktur, IT-Architektur, Qualifizierung, Prozessanpassung und Cybersicherheit. Erst danach kann über die Verteilung gehobener Effizienzpotenziale gesprochen werden.
Pflegeeinrichtungen müssen strukturell in die Lage versetzt werden zu investieren. Ohne finanzielle Spielräume bleiben Innovationen isolierte Leuchtturmprojekte.
Claudia Ott griff auch die drei Handlungsfelder des Bundesministerium für Gesundheit auf:
- Personenzentrierte, digital unterstützte sektoren- und professionsübergreifende Versorgungsprozesse etablieren
- Qualitativ hochwertige Daten generieren und nutzen
- Nutzenorientierte Technologien und Anwendungen fördern
Entscheidend ist dabei: Pflege muss systematisch einbezogen werden – nicht als nachgelagerte Anwenderin, sondern als Mitgestalterin digitaler Strategien. -> zur Präsentation als pdf
2. Cybersicherheit: Die unterschätzte Grundvoraussetzung
Mit zunehmender Digitalisierung wächst auch die Verwundbarkeit der Systeme. Pflegeeinrichtungen sind längst Ziel von Cyberattacken.
Helmut Wallrafen von der Sozial-Holding der Stadt Mönchengladbach machte – aus eigener Betroffenheit – klar:
Cybersicherheit ist keine Nebenfrage – sie ist Voraussetzung für digitale Souveränität und sie kostet Geld! Als Botschaft an Politik und Kostenträger hat er klar formuliert: „Wer Digitalisierung will, muss mitdenken, mitbauen und mitbezahlen!“
Gleichzeitig hat Helmut Wallrafen für mehr Offenheit im Umgang mit Cyberangriffen geworben. Nur wenn Vorfälle transparent gemacht werden, kann gegenseitiges Lernen gelingen.
Cybersicherheit braucht:
- gemeinsame Initiativen
- trägerübergreifende Notfallstrukturen
- Investitionen in Aus- und Fortbildung
Der Deutscher Caritasverband hat mit einer eigenen „IT-Feuerwehr“ bereits reagiert – ein Beispiel für sektorweite Schutzstrukturen.
Notwendige Bausteine (ohne Anspruch auf Vollständigkeit) für einen besseren Schutz vor Cyberangriffen sind:
- Regelmäßige Penetrationstests
- VPN-Zugänge mit konsequenter Zwei-Faktor-Authentifizierung
- Professionelles Passwortmanagement
- Externe IT-Sicherheits-Expertise
- Systematische Schulung von Mitarbeitenden
und nicht zuletzt eine klare strategische Priorisierung auf Leitungsebene!
3. Praxisperspektiven: KI als Entlastungs- und Qualitätsinstrument
Anhand konkreter Praxisbeispiele der Diakonie Stiftung Salem aus Minden, die Christian Schultz präsentiert hat, wurde deutlich, welches Potenzial digitale Anwendungen bereits heute entfalten:
Mit der Einführung von VOIZE („Dokumentation einfach einsprechen“) wurde die Pflegedokumentation grundlegend vereinfacht.
Ergebnisse:
- Über 30 % Zeitersparnis in der Dokumentation (ca. 28 Minuten pro Schicht)
- 97 % der Pflegekräfte berichten von mehr Zeit für Bewohnerinnen und Bewohner
- 99,2 % Dokumentationsgenauigkeit
- Deutliche Reduktion von Überstunden
- Höhere Mitarbeitendenzufriedenheit
- Kostenersparnisse u. a. durch geringeren Geräte- und Wartungsaufwand
Die gewonnene Zeit wird gezielt für direkte Betreuung genutzt – ein zentraler Qualitätsgewinn.
Weitere digitale Bausteine:
- Vivendi: Effizientere Dokumentation, höhere Abrechnungsqualität, mehr Rechtssicherheit
- LogaHR: Optimierte HR-Prozesse, weniger Fehler, reduzierte Verwaltungsaufwände
- Tablets und Apps („Souverän Digital“, „Ambulant Digital“): bessere Kommunikation, weniger Papierarbeit
Diese Maßnahmen führen zu:
- spürbarer Entlastung in Verwaltung und Pflege
- höherer Transparenz
- verbesserter Compliance
- nachhaltigen Kosteneinsparungen
Microsoft Copilot als nächster Entwicklungsschritt
Mit der Einführung von Microsoft Copilot geht die Stiftung einen weiteren Schritt in Richtung intelligenter Assistenzsysteme.
Copilot unterstützt Mitarbeitende bei:
- automatischen Zusammenfassungen von E-Mails und Besprechungen
- Erstellung von Pflege-, Dienst- und Entwicklungsplänen
- Textoptimierung in Word, Outlook und Teams
- schneller Recherche interner Richtlinien
- strukturierter Vorbereitung von Gesprächen und Fallkonferenzen
Arbeitsprozesse, die früher 20 Minuten dauerten, lassen sich heute in etwa 2 Minuten erledigen – ohne Qualitätsverlust.
Mit intelligenten Bettassistenzsystemen wie „SafeSense – Bed Exit System“ werden:
- Sturzrisiken reduziert
- Bewohner:innen besser geschützt
- Pflegekräfte entlastet
- Dokumentations- und Rechtssicherheit erhöht
Erfolgsfaktor: Strukturierte Implementierung
Christian Schultz wird nicht müde zu betonen, dass erfolgreiche KI-Einführung kein Zufallsprodukt ist. Entscheidend sind eine strukturierte Implementierung und Transparenz der Effekte gegenüber allen Beteiligten.
Die zentrale Botschaft von Christian Schultz lautete am Ende:
KI ersetzt keine Pflege – sie schafft Zeit für Pflege.
Effizienzgewinne führen nicht zu weniger Professionalität, sondern zu mehr Raum für menschliche Zuwendung, Beziehungsgestaltung und qualitativ hochwertige Versorgung. -> zur Präsentation als pdf
4. Der Markt ist in Bewegung
Tanja Ehret von careTRIALOG hat mit
- Lebenswerk.ai: KI-gestützte Biographiearbeit
- AKEYI: Recruiting-Spiel gibt Einblick in die Ausbildung zur Pflegekraft
- Myo: formfix – digitale Antragsstellung
drei aktuelle Anwendungen vorgestellt, die zeigen, wie vielfältig und dynamisch die Industrie gerade in dem Handlungsfeld „KI in der Pflege“ unterwegs ist. Siehe auch www.carexfestival.de. -> zur Präsentation als pdf
5. Industrie und Interoperabilität: Schnittstellen als Engpass
Ein wiederkehrendes Thema hat Christian Westermann vom ambulanten Pflegedient „Engeln vonne Ruhr“ aus Mülheim an der Ruhr zum Schluss der Veranstaltung noch aufgeworfen: die Schnittstellenprobleme.
Zwar existieren zahlreiche innovative Anwendungen, doch fehlende Interoperabilität erzeugt neue Komplexität und zusätzlichen Verwaltungsaufwand.
Hier ist die Industrie gefordert, schneller standardisierte, kompatible Lösungen bereitzustellen. Ohne funktionierende Schnittstellen droht Digitalisierung zur Mehrbelastung zu werden.
6. Gemeinsame Verantwortung für die digitale Zukunft der Pflege
Die Veranstaltung „Pflege digital – KI, aber wie!?“ hat eindrucksvoll gezeigt:
- KI steigert Qualität und Effizienz.
- KI kann Mitarbeitende messbar entlasten.
- Digitalisierung ist Organisations- und Kulturentwicklung.
- Cybersicherheit ist unverzichtbar.
- Investitionen sind Voraussetzung für nachhaltige Effizienzgewinne.
Vor allem aber wurde deutlich:
- Digitale Transformation in der Pflege ist eine Gemeinschaftsaufgabe.
- Träger, Politik, Kostenträger, Industrie und Berufsgruppen müssen koordiniert zusammenarbeiten.
- Wer Digitalisierung will, muss mitdenken, mitbauen und mitbezahlen.
- Nur so kann KI ihr eigentliches Ziel erreichen: eine menschlichere, sichere und zukunftsfähige Pflege.
Aus dem Chat gab es Hinweise zu diesen weiterführenden links:
- Länger gesund leben – wie alternde OECD-Gesellschaften Lebensformen, Gesundheitsversorgung, Pflege und deren Finanzierung anpassen
- Mit KI könnten wir sofort 10% aller Aufwände im Pflegeumfeld einsparen/die Zeit besser einsetzen
- Zu dem Papier des BMG
- Die Caritas & Diakonie veranstalten zum zweiten Mal den Fachkongress Cybersecurity, dieses Jahr am 11./12. Juni 2026 in Berlin
- Es gibt bei der WGKD einen Rahmenvertrag für Voize, vielleicht hilft auch das: Hinweis vom AOK-BV: Sie können VOIZE unter anderem über die Fördermaßnahmen nach § 8 Abs. 8 refinanzieren