Veröffentlicht am 5. Februar 2020 von Redaktion

Schluss mit dem Prämienwahnsinn!

Gelsenkirchen/Ruhrgebiet, im Februar 2020. Den Summen scheinen nach oben keine Grenzen gesetzt: Bis zu 10.000 Euro „Willkommensprämie“ zahlen mittlerweile sogar Wohlfahrtsverbände für neue Fach- und Führungskräfte in der Pflege. Andere Sozialunternehmen locken mit Luxusautos oder schicken Vergünstigungen. „Dieser Prämienwahnsinn muss aufhören“, fordert dagegen das Sprechertrio der Ruhrgebietskonferenz Pflege, einer unabhängigen Initiative von Pflegeanbietern mit Sitz in Gelsenkirchen.

Statt „Turbokapitalismus“ zu praktizieren, wollen Silke Gerling (Diakoniewerk Essen), Claudius Hasenau (APD Gelsenkirchen) und Ulrich Christofczik (Ev. Christophoruswerk Duisburg) mehr Pflegeunternehmen dafür gewinnen, in Zukunft für jeden neuen Mitarbeitenden eine Summe für gute Zwecke spenden – sei es für finanzielle Notfallhilfen über den eigenen Sozialfonds oder die Unterstützung gemeinnütziger Hilfsorganisationen vor Ort.

Sie fordern ein Ende des Prämienwahnsinns im Wettbewerb um Pflegepersonal: (von links) Ulrich Christofczik, Geschäftsführer des Ev. Christophoruswerkes in Duisburg, Silke Gerling, Geschäftsführerin des Diakoniewerkes Essen, und Claudius Hasenau, Geschäfts-führer der APD Ambulante Pflegedienste Gelsenkirchen GmbH, die Sprecher der Ruhrgebiets-konferenz Pflege. Foto: Arne Pöhnert

 

Das passt nicht zu uns
Die Sprecher gehen in ihren Einrichtungen mit gutem Beispiel voran. „Der Prämienwahnsinn passt nicht zu einem Sozialunternehmen. Die APD macht da grundsätzlich nicht mit,“ sagt Claudius Hasenau, Geschäftsführer der APD Ambulante Pflegedienste Gelsenkirchen: „Nicht Tankgutscheine binden Mitarbeitende an ein Unternehmen, sondern die Unternehmenskultur, gute Führung, Mitmenschlichkeit, Wertschätzung und gelebte soziale Verantwortung für die, die in Not sind.“ Deshalb spendet der größte private ambulante Pflegedienst in der Emscherstadt nicht nur regelmäßig für soziale Projekte wie den Kinderschutzbund Gelsenkirchen, die Gelsenkirchener Tafel oder Vereine im Quartier, sondern unterstützt seine Mitarbeitenden aktiv bei ehrenamtlicher Tätigkeit.

Nicht gegenseitig überbieten
Auch in Essen verweigert man sich der „Geld ist geil“-Mentalität in der Pflege. „Es kann und darf nicht sein, dass wir uns in der Pflege gegenseitig überbieten“, sagt Silke Gerling, Geschäftsbereichsleiterin des Diakoniewerkes Essen. Dort wurde ein Solidaritätsfonds gegründet, der Diakonie-Mitarbeitende in Notfällen unbürokratisch unterstützt. Statt Kopfprämien zu zahlen, speist das Diakoniewerk Hilfsgelder ein. „Damit helfen Mitarbeitern Mitarbeitern – und vielleicht irgendwann sich selbst. Jeder hat etwas davon,“ sagt Silke Gerling.

Kopfgeldjagd wie im Wilden Westen
„Wenn es uns nicht gelingt, den Teufelskreis des Immer-Mehr zu durchbrechen, wird die Erwartungshaltung bei beruflich Pflegenden ins Unermessliche wachsen“, sagt Ulrich Christofczik, Vorstand des Ev. Christophoruswerkes in
Duisburg, den die momentane Situation an „eine Kopfgeldjagd wie im Wilden Westen“ erinnert. Er hat sich bisher nicht an dem fatalen Rennen beteiligt und sucht nun nach einer Alternative für sein Unternehmen. Christofczik: „Ein Patentrezept, das für jedes Unternehmen passt, gibt es nicht.“ Die Ruhrgebietskonferenz Pflege wird verschiedene Modelle sammeln und ihren Trägern vorstellen, um weitere Mitstreiter für diese Idee zu gewinnen.“

Minister Laumann kommt zu Besuch
Ob ihre Idee auf fruchtbaren Boden fällt, werden die Gesellschafter schon sehr bald erfahren. Am Freitag, 7. Februar, hat NRW-Pflegeminister Karl-Josef Laumann im Wissenschaftspark Gelsenkirchen die Einladung zum „Talk am Förderturm“ angenommen. Ab 14 Uhr wird er dort mit den Trägern der Ruhrgebietskonferenz Pflege über zwei Kernforderungen des Arbeitgeberzusammenschlusses diskutieren. Sie lauten „Gleicher Lohn für gleiche Arbeit“ und „Pflege – gut bezahlt und bezahlbar zugleich“.

Foto: AdobeStock@Drobot-Dean-scaled

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